CD-VÖ: Diogenes Quartett setzt Gesamteinspielung der Streichquartette von Friedrich Gernsheim fort
Ein Kammermusikkapitel der deutschen Romantik wird gerade neu geschrieben – dank einer Gesamteinspielung der Streichquartette von Friedrich Gernsheim (1839–1916) durch das Diogenes Quartett. Nun liegt beim Label cpo mit Volume 3 der vorletzte Teil dieses überfälligen Projekts vor, das viel mehr ist als eine Ehrenrettung oder Wiedergutmachung für einen aufgrund seiner jüdischen Herkunft posthum systematisch gecancelten und totgeschwiegenen Komponisten. Gernsheim ist zweifellos eine unverzichtbare Stimme der facettenreichen deutschen Spätromantik – sein Streichquintett op. 9 D-Dur sowie das Streichquartett op. 66 – hier erstmals eingespielt – bilden dafür unwiderlegbare Beweisstücke mit garantiertem Hörvergnügen.
Friedrich Gernsheim haben die Zeitläufe übel mitgespielt. Dem Start als gefeiertes Wunderkind – zehnjährig debütierte der gebürtige Wormser mit Klavier und Violine am Frankfurter Stadttheater, nur ein Jahr später erklang dort erstmals ein Orchesterwerk aus seiner Feder – folgte eine fundierte Ausbildung bei Koryphäen des Fachs in Leipzig und Paris, wo er u.a. Kontakt mit den heute ungleich populäreren Generationskollegen Saint-Saëns, Rossini, Rubinstein und Liszt pflegte. Unter den Zeitgenossen hatte er einen herausragenden Ruf, der ihm Engagements als Dirigent und Pädagoge quer durch Europa verschaffte und 1890 in einer Anstellung am hochrenommierten Stern’schen Konservatorium in Berlin u. a. als Leiter der dortigen Meisterklasse für Komposition mündete. Dafür sorgten nicht zuletzt die Empfehlungen von Hans von Bülow, Johannes Brahms, Max Bruch und Joseph Joachim. Dass der Antisemitismus schon weit vor dem Nationalsozialismus so manche Künstlerkarriere behinderte, um dann in den 1930ern in einer systematischen Perfidie zu gipfeln – im Falle Gernsheims wurden seine Schriften und Kompositionen zum Großteil vernichtet und er quasi eine „Persona non existentia“ –, zählt zu den bedrückenden Wahrheiten der deutschen Kulturgeschichte.
Mit dem aktuellen Projekt der Gesamteinspielung von Gernsheims fünf Streichquartetten (und zwei Streichquintetten) liefert das Diogenes Quartett nun einen wichtigen kammermusikalischen Mosaikstein für die Epoche der Romantik nach – endlich, möchte man bereits nach dem allerersten Höreindruck sagen. Die Ensemblemitglieder selbst sind von den Partituren schlichtweg begeistert: „Traumhaft schöne Musik mit einem unglaublichen Melodienreichtum“, sagt die Violinistin Gundula Kirpal. „Ich empfinde sie als sehr sehr ehrlich, leidenschaftlich […] dicht gewebte Musik, nicht ganz leicht, aber sehr spannend, sie zu spielen.“




